Hier ein paar Impressionen.
Hier ein paar Impressionen.
Der Checkpoint ist aufgebaut wie folgt:
Zuerst stellen sich die Menschen, die aus dem Westjordanland durch den Bethlehem-Checkpoint nach Israel wollen, in einem langen vergitterten Korridor an, um dann durch ein Drehtor zur Passkontrolle zu gelangen. Danach gehen sie über einen großen Innenhof (vergleichbar mit dem eines Gefängnisses) und dann wieder einen langen vergitterten Korridor entlang. Jede Person wird einzeln durch ein weiteres Drehtor zur Sicherheitskontrolle vorgelassen, die wie am Flughafen abläuft. Dann müssen sich die Menschen wieder anstellen, um ihre Ausweise herzuzeigen und Fingerabdrücke zu hinterlassen. Schließlich gelangt man zu den Bussen in Richtung Jerusalem.
Vor der ersten Drehtür wird gedrängelt.
Heute morgen standen über 350 Menschen in dem ersten Korridor an und wurden nicht vorgelassen. Es wurden immer mehr – die Menschen wurden wütender, lauter. Aber die Soldaten weigerten sich, das erste Drehtor zu öffnen. Ich war mittendrin und bekam einige Geschichten mit. Ein junger Mann hatte seine Babytochter auf dem Arm und kämpfte sich an das Gitter vor. Er flehte den Soldaten auf der anderen Seite an, ihn durchzulassen, weil er einen wichtigen Termin im Hadassah Krankenhaus habe – seine Tochter sei sehr krank und sie hätten diesen Termin und die Erlaubnis, nach Israel zu gehen, nur schwer bekommen. Der Soldat ignorierte ihn. Als der Mann anfing zu weinen (!!!), kam gerade eine UNO-Beauftragte auf der anderen Seite des Gitters vorbei und wollte ihm helfen. Aber selbst sie konnte das Militär nicht dazu bewegen, das Tor für diesen Mann zu öffnen. Zwei kleine Kinder fingen an zu quängeln und zu schreien – „Hamaam!“. Sie mussten auf die Toilette. Als die Mütter die Soldaten nach einer Weile fragten, ob sie bitte zumindest ihre Söhne durchlassen könnten, wurden sie auch ignoriert.
Nach eineinviertel Stunden wurde das Tor schlussendlich geöffnet und die Menschen drückten und drängelten. Als sie nach der dritten Ermahnung von Seiten der israelischen Soldaten immer noch zu zweit oder zu dritt durch die Drehtüre wollten, wurde das Tor wieder verriegelt. Weiteres Warten.
Schließlich kam ein Teil von uns durch das Tor und unsere Pässe wurden kontrolliert – sie winkten mich durch, alle anderen brauchten um einiges länger. Immer, wenn ich meinen Pass aus meiner Tasche hole, sehe ich Blicke der Palästinenser und blanken Neid in ihren Augen. Ihre ID (eine blaue Papierkarte) erleichtert ihre Reisen, Visaanträge und Zugang zu Israel nicht gerade - mit einem Pass der Europäischen Union nicht vergleichbar.
Als wir den Raum der Sicherheitskontrolle erreichten, sah ich mich verwundert um. Niemand wartete – der Raum war leer. Ich konnte es nicht glauben. Die eineinhalb Stunden Wartezeit waren tatsächlich reine Schikane gewesen, wie die UN-Beauftragte gesagt hatte. Kein Grund, uns nicht vorzulassen.
Dieses Erlebnis heute hat mich wirklich berührt – ich hörte Männer, die sich darüber beklagten, nicht rechtzeitig zur Arbeit zu kommen; sah alte Frauen, die schon am Anfang sehr müde waren – am Ende saßen einige von ihnen auf dem dreckigen Boden und starrten in die Luft. Viele Männer rauchten, verpesteten die Luft auf engem Raum – wir standen so nahe beieinander, alle schwitzten, jammerten, versuchten zu verstehen.
Für mich war es eine interessante Erfahrung, als einzige Ausländerin – und als eine der einzigen Frauen ohne Kopftuch – dabei zu sein, mit den Menschen zu reden, zu beobachten.


Teamgeist - alle zusammen :)Fotos von dem Reisejournalisten und Leiter der NGO "World Next Door" Barry Rodriguez
Spannend. Ermutigend. Herausfordernd.
Wir haben israelische und palästinensische Jugendliche auf ein Wüstenversöhnungscamp eingeladen. Wir wanderten, schliefen unter freiem Himmel, reisten auf Kamelen, hatten tolle Gespräche und interessante Erkenntnisse.
Am meisten berührte mich die wirklich gute Freundschaft zwischen einem israelischen und einem palästinensischen Leiter - beide Ende 20. "Ihr kennt euch bestimmt schon ewig oder?"
Sie erzählten mir ihre Geschichte.
Während der arabische junge Mann in Gaza lebte und dort vom israelischen Militär mit einer Kugel am Bein verletzt wurde, kämpfte der israelische Soldat in der gleichen Gegend. Zwei Jahre später trafen sie sich auf einem Musalaha Trip, redeten miteinander und fanden diese Geschichte heraus. Trotzdem sind sie jetzt die besten Freunde und freuen sich jedes mal, wenn sie sich sehen :) Es ist anscheinend wirklich möglich, Versöhnung zu praktizieren!
Es war total schön für uns als Team, Früchte und Erfolg unserer Arbeit zu sehen.
Gleich nach diesem 4-Tage-Trip radelte ich mit einer arabischen Freundin um den See Genezareth - sie wollte ihre Erlaubnis, nach Israel reisen zu dürfen, unbedingt ausnutzen. Für uns beide war es etwas besonderes und wir hatten eine gute Zeit.
Sieht das nicht fast so aus wie der Times Square in New York? Mit dem Taxi kam ich schlussendlich vor dem riesigen Gebäude der palästinensischen Regierungsorganisation an. Als ich die Büros betrat, begrüßten mich sofort mehrere Leute, wir tranken zusammen Tee und redeten. Nach einigen Minuten verließ sie die Motivation, Englisch zu sprechen - sie wechselten zu Arabisch --> ein lustiges Rätselraten für mich ^^ Schlussendlich wurde ich vom Direktor empfangen. Er beantwortete meine wirtschaftlichen Fragen über die Organisation, das Investmentklima im Westjordanland und Gaza und die Folgen der Mauer. --> Falls das jemanden von euch spezifisch interessiert, könnt ihr euch gerne bei mir melden ^^ Dann kam er ins Geschichten erzählen und breitete Teile seines Lebens vor mir aus. Er wuchs zusammen mit Jassir Arafat in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Jordanien auf - sie gründeten mit einer Gruppe die Fatah. Jetzt setzt er sich für die wirtschaftlichen Interessen der palästinensischen Autonomiegebiete ein und reist durch die Welt, um bei Treffen der EU, UNO, WHO usw. mitzuwirken. Er sitzt in der palästinensischen Regierung. Eine Frage brannte mir einfach zu sehr auf der Zunge... ich musste sie stellen, da er an der Informationsquelle sitzt. "Wie sehen die Pläne zur palästinensischen Staatsgründung momentan aus?" Er lachte nur und meinte, er würde mir die Antwort beim nächsten Mal geben :)
Auch meine Freundin war in Gedanken versunken – und fing an, von ihrer Vergangenheit zu erzählen. „Während der Zweiten Intifada (2000) wurde unser Haus eine Woche lang besetzt. Wir mussten uns alle in ein Zimmer zwängen, durften das Haus nicht verlassen, mussten fragen, wenn wir die Toilette benutzen wollten, hatten wenig zu essen – bis es die letzten drei Tage ganz ausging.“ Die Bitterkeit in ihrer Stimme ließ mich aufhorchen. Drei Stunden später saßen wir wieder im Auto – der Bruder fuhr auf dem Rückweg aggressiver, kommentierte ärgerlich das Fahrverhalten anderer; seine Laune hatte um 180 Grad umgeschlagen. Was vor sich ging, ist folgendes: Christliche Palästinenser dürfen sich um eine Erlaubnis bewerben, um für Weihnachten und Ostern nach Israel reisen zu dürfen. Moslems dürfen es natürlich auch für ihre Feiertage versuchen, haben aber nur eine geringe Chance. Um sich bewerben zu können, muss zuerst eine Karte beantragt werden; dafür ist dieses israelische Büro zuständig. Manche bekommen die Erlaubnis, andere nicht – die Entscheidung liegt in israelischer Hand. Nun warteten wir also dort und warteten und warteten und warteten ... Mehr als 30 Familien warteten – die Männer versammelten sich vor dem Eingang zu dem kleinen Blockhaus, die Frauen versuchten, die quängelnden Kinder zu beruhigen, die Jugendlichen saßen auf den Motorhauben der Autos und aßen Nüsse. Ich war die einzige nicht-Araberin und erntete dafür einige schräge Blicke. Die Schwägerin meiner Freundin ging zu anderen Frauen und fing ein Gespräch an – sie erzählte uns später, dass manche schon seit sechs Uhr morgens da wären und sich über die ständigen Kaffeepausen der Israelis beschweren würden. Stampfend kam der Bruder zurück und setzte sich wortlos ins Auto. „Wir fahren. Das Büro ist geschlossen. Wir müssen nächste Woche wieder kommen.“ Es war vier Uhr nachmittags. Tamara, meine Arbeitskollegin und arabische Freundin, nennt es eine Machtdemonstration der Israelis. „Sie entscheiden, wer über die Feiertage rein darf und wer für diese Zeit daheim bleiben muss. Außerdem werden Moslems und Christen im Westjordanland durch diese Klassifizierungen nur noch mehr entzweit.“ Alle meine Freunde fiebern auf diese Zeit hin und hoffen so sehr, dass sie nach Israel dürfen – ein bisschen Freiheit schnuppern. Die beliebtesten Ausflugsziele sind das Mittelmeer und die Einkaufszentren – endlich westliche Kleidung für das restliche Jahr einkaufen! Wir können uns gar nicht vorstellen, wie es ist, auf 5.640 Quadratkilometern (im Vergleich: Österreich 83.900) eingesperrt zu leben oder eine limitierte Auswahl an Produkten und Freizeitmöglichkeiten zu haben. Mir wurde die Einschränkung erst bewusst, als alle schon vor einem Monat anfingen, mit leuchtenden Augen von möglichen Reisen nach Israel zu schwärmen. Da ich der Gesamtsituation nun Gesichter zuordnen kann, wird es immer schwieriger für mich, objektiv zu beobachten – so sehr ich mich auch bemühe. Somit hört ihr, liebe Leser und Leserinnen :) , von mir auch eher einseitige Berichterstattungen; wie die Medien sonst auch oft sind. Ich bekomme immer mehr Möglichkeiten zu reisen – und vieles liegt noch vor mir. Ich finde das wirklich toll. Sonntags war ich in Masada und erklomm die Bergfestung von Herodes – ein beeindruckendes Bauwerk mitten in der Wüste, wovon ich einen tollen Blick über das Tote Meer bis nach Jordanien hatte. Als ich zur Abfahrtsbushaltestelle in Jerusalem kam, war diese gesperrt. Bombenwarnung, erzählte mir eine Soldatin mit gleichgültigem Gesichtsausdruck. Was alles zur Normalität werden kann...
Totes Meer und Jordanien!!!
Eine kleine Geschichte, die ich in die Schublade „Begegnungen“ einordne, zu Beginn:
Sonntags traf ich einen Mann Ende sechzig in dem kleinen Souvenirgeschäft neben der Geburtskirche in Bethlehem. Eifrig zeigte er mir seine Sammlung von Graffitidarstellungen auf der 760 km langen Mauer, die das Westjordanland von Israel trennt und erzählte mir von deren Künstlern.
„Bevor die Mauer stand, fuhr ich drei mal wöchentlich nach Jerusalem und traf meine Freunde. Jetzt schaffe ich es nicht einmal jährlich – ich habe keine Erlaubnis. Ich vermisse sie.“
Ich erzählte ihm von meiner Arbeit bei dem Versöhnungsdienst Musalaha. Mit Tränen in den Augen meinte er: „Ich will auch nur Frieden. Wieso können wir nicht in Frieden miteinander leben?“
Er wollte mir etwas zeigen ...
Vorsichtig holte er ein geschnitztes Kunstwerk aus der Schreibtischschublade heraus und gab es mir. Ich war sofort sehr berührt. Ich sah eine Krippe und die drei Weisen aus dem Morgenland – getrennt von einer riesigen, hässlichen Mauer. Die drei Männer hielten ihre Arme hoch, verzweifelt versuchend, die Mauer zu überwinden, um zu Jesus, Maria und Josef zu gelangen. Dann erst sah ich die Taube.
„Die Friedenstaube auf der Mauer fliegt verwirrt herum, yacni (weißt du) ...“, sagte er – meinen Blick deutend.
„Wäre die Mauer vor 2 000 Jahren schon gewesen, hätten wir einen anderen Geschichtsverlauf.“ Mit immer noch feuchten Augen drückte er meine Hand. „God bless you.“
Friedenstaube (Graffiti auf der Mauer nahe meiner Wohnung)
Friedliche Demonstration in Bethlehem
Die momentane Situation in Bethlehem und anderen Orten (wie zum Beispiel Hebron) ist spannungsgeladen – als würde auf etwas gewartet werden. Im Internet habe ich eine Facebook Gruppe mit über 200 000 Mitgliedern gefunden, die kontinuierlich die Dritte Intifada am israelischen Unabhängigkeitstag am 15. Mai propagiert.
Mit dem gestrigen Terroranschlag in Jerusalem, den kontinuierlichen Raketen auf den Süden Israels (Beersheba, Wüste Negev) und den israelischen (Luft-)Angriffen in Gaza droht die Situation zu eskalieren.
Die Menschen hier sind unruhig, wissen nicht, was zu erwarten ist; kommendes Monat haben wir (Musalaha) ein Versöhnungscamp für junge Israelis und Palästinenser in der Wüste Negev geplant - wir hoffen, es kann stattfinden.
Unserer Meinung und meinen Erfahrungen nach ist die Mehrheit der Palästinenser sowie Israelis wirklich friedlich - und friedliebend! Ich finde es traurig, dass sich durch solche Ereignisse wie gestern die Kluft zwischen den Nationen ausweitet - Friede wieder einen Schritt weiter entfernt scheint, Vorurteile der internationalen Gemeinschaft sich leider bestätigen.
Es ist wirklich wichtig, die jeweiligen Einwohner als Individuen zu sehen - mir persönlich bricht es das Herz, wenn ich nun die Trauer in den Gesichtern meiner palästinensischen Freunde sehen muss. "Nun hasst uns die Welt wieder ..."
Trotz dieser etwas herausfordernden Gesamtsituation, geht es mir wirklich hervorragend :) Laura (die Freundin, mit der ich zusammen wohne) und ich haben Anschluss an eine lustige Gruppe in Bethlehem gefunden, mit der wir momentan eigentlich immer unterwegs sind – egal ob Fitnessstudio, Schischabar, Konzert, Wanderungen, BBQ, ...
Mein Umzug nach Bethlehem war die beste Idee! Ich genieße das Leben dort und lerne die arabische Kultur kennen und lieben (wohl auch durch meine arabischen Freunde) :) Viele liebe Grüße in die Heimat!
MEHR LESEN: POLITISCHE DENKANSTÖßE-PDF (basierend auf persönlichen Erfahrungen der letzten zwei Monate)
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An den letzten Wochenenden bin ich viel gereist – einige Impressionen:
Ich habe hier gute Freunde unter palästinensischen Jugendlichen gefunden – wir waren zusammen in Jericho grillen und radfahren und wir Mädchen treffen uns regelmäßig beim Sporteln, gehen danach etwas essen.
Es ist sehr interessant, die Unterschiede zwischen unseren Kulturen hautnah zu erleben. Zum arabischen „Dating" erzählte mir eine Freundin, dass ein Junge und ein Mädchen vor ihrer offiziellen Verlobung nicht allein gesehen werden dürfen. Auch sei die Kontrolle des Blutflecks auf dem Leintuch in der Hochzeitsnacht in vielen Dörfern immer noch verbreitet. Dieselbe Freundin wünscht, sie könne wie ich in Bethlehem radfahren, aber es ziemt sich kulturell nicht für arabische Frauen. Gestern meinte sie entschlossen zu mir: „ Da du nun anfängst, unsere Kultur hier in Bethlehem etwas zu beeinflussen, werde ich im Sommer eine Gruppe motivieren und von Bethlehem zum Toten Meer quer durch die palästinensischen Dörfer joggen und alle damit herausfordern.“ :)
Die Menschen hier sind trotz der schwierigen Situation sehr aufgeschlossen und freundlich - nur, wenn es um politische Themen geht, scheiden sich die Geister: Als ein Freund nebenbei erwähnte, er arbeite in den israelischen illegalen Siedlungen als Handwerker, brach die ganze Gruppe in Protestgeschrei aus und ließ auch das Argument, es wäre "gutes Geld", nicht gelten. Wenn wir über unsere Arbeit bei Musalaha sprechen, wird unseren Freunden schmerzhaft bewusst, dass sie hier im Westjordanland eingesperrt sind und nicht nach Israel dürfen. Den Satz "Ich würde soooo gerne im Mittelmeer baden gehen!" höre ich sehr oft.
Als zweites Beispiel gab er Martin Niemöller, den Theologen und Aktivisten der „Bekennenden Kirche“ während des Zweiten Weltkriegs.
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“



